"Zwei Meter Abstand, bitte"

Bei jeder spontanen Begegnung im Dorf muss ich mit meinem Hirn meinen Körper in Zaum halten, um diesen unsichtbaren Raum aufrecht zu erhalten.
Plötzlich erlebe ich eine neue Welt von mir ungewohnten "Begegnungsräumen": Liebe Leute, die mich sonst zum Kaffe hineinbitten würden, sprechen mit mir nur schnell, schnell durchs Fenster. Oder über den Gartenzaun hinweg. Oder lassen mich glatt eiskalt vor der Türschwelle stehen... Trotz aller Vernunft, hat das für mich irgendwie einen fahlen Nachgeschmack. Geht es dir auch so? Klar weiss ich, dass sie mich eigentlich mögen. Aber trotzdem nagt diese physische Distanz an mir...

Gleichzeitig erinnere ich mich gut an die erst kürzlich vergangenen Erlebnisse mit diesen lieben Menschen. Ich bin so dankbar für die spontanen Ausflüge in die Berge mit meinen Eltern. Für den regelmässigen Kaffeeklatsch mit der Nachbarin. Für den Kurztrip zu meinem Bruder nach Deutschland. Für den Besuch des Hallenbads mit den Kindern. Für den  Ausgang mit meinem Mann ins Bowling-Center und den anschliessenden Mitternachts-Snack im Molly's. Sogar für gewisse Sitzungen mit Kollegen!
Denke ich zurück, vermisse ich schon auch teilweise die Action, aber vor allem die gemeinsamen Erlebnisse mit meinen lieben Menschen. Und ich merke, wie mir diese Erinnerungen zur Nahrung werden. Ja, ich zehre buchstäblich davon.

Ich bin aber auch dankbar dafür, dass diese Zusammentreffen nicht deswegen stattgefunden haben, weil wir von der bevorstehenden Trennung wussten. Quasi Gemeinschaft und Erlebnisse auf Vorrat hamstern. Nein, sondern, weil sie schlichtweg Teil meines stinknormalen Lebens sind. Einfach nur, weil diese Leute mir für ein Stück gemeinsamer Weg geschenkt sind.


Und stell dir vor, heute ist es mir passiert. Für einen Bruchteil einer Sekunde war mein Herz schneller als mein Kopf. Es geschah, als ich total unerwartet eine Kollegin getroffen habe. Da ist mir eine Umarmung rausgerutscht. Einfach so. Als ich es realisierte, war es schon zu spät. Es gab keinen Raum mehr für einen Rückzieher, ich hatte sie schon im Arm. So machte ich das beste daraus und drückte sie richtig, richtig fest!

Ruth Kohler



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